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Traum-Welten

Am 10. März feiert ELEKTRA von Richard Strauss in einer Neuinszenierung von Enrico Lübbe Premiere. Dramaturg Torsten Buß über die Verstrickungen einer besonderen Familie.

Drei Frauen: Eine Mutter und ihre zwei Töchter. Klytämnestra, Chrysothemis und Elektra. Sie teilen sich ein Haus – und sind im Schicksal aneinandergebunden. Sie verurteilen sich gegenseitig auf das Schärfste – und doch ist es gerade auch die Existenz der Anderen (und deren ultimative Ablehnung), die dem eigenen Überleben erst die letzte Energie gibt. Es gab noch eine weitere Schwester, Iphigenie. Sie wurde vom Vater Agamemnon im Trojanischen Krieg den Göttern geopfert zum Dank für göttliche Hilfe in der Schlacht. Für diesen Verrat an der Tochter hat Klytämnestra Agamemnon nach dessen Rückkehr erschlagen. Hinterrücks, im Badezimmer des eigenen Hauses. Bei der Tat dabei: der neue Geliebte der Mutter, Aegisth. Mit ihm lebt Klytämnestra nun zusammen in neuer familiärer Gemeinsamkeit. Elektra, die den Mord am Vater verurteilte, wird in den Keller gesperrt. Scharf bewacht von den Mägden, die dafür sorgen sollen, dass Elektra und vor allem ihre Worte nie wieder ans Licht kommen. Dort lebt Elektra nun. Dort wütet sie. Gegen die Mutter, gegen den neuen Vater. Für die Erinnerung, gegen das Schicksal. Ihre Hoffnung ruht auf ihrer Schwester, Chrysothemis. Die soll Elektra helfen, den Vater zu rächen: durch den Mord an der Mutter. Doch Chrysothemis weigert sich. Sie steht zwischen beiden Welten: Der dunklen Welt ihrer Schwester, die einzig auf Rache sinnt, und der Welt der Mutter, Klytämnestra, die verzweifelt an einem neuen Leben arbeitet und doch ihre eigene Tat nicht vergessen kann. Ob Chrysothemis zwischen diesen beiden Polen je ihren eigenen Traum vom glücklichen Leben wird leben können, ist auch ihr selbst mehr als fraglich. Dennoch hält sie an ihrem Traum fest, wie auch Klytämnestra und Elektra an ihren Träumen festhalten, so unwahrscheinlich und so verzweifelt erhofft sie auch sein mögen. Träume, die sich immer wieder zu Visionen der Angst und der Erfüllung verdichten. Und ab und zu, wenn die Last zu stark wird, steigt Klytämnestra in den Keller zu Elektra, auf der Suche nach Vergebung. Aber die ist ausgeschlossen. Denn eine Hoffnung, wenn sie es nicht selbst tun will, hat Elektra noch auf Rache an der Mutter: den Bruder Orest. Der ist irgendwo da draußen, aber er wird als strahlender Held zurückkehren. Dessen ist sich Elektra sicher und steigert sich immer mehr in ihre Traumwelten, die zwischen Rache und Glück hin und her fließen – oder beides schon lange nicht mehr klar trennen. Als Orest dann tatsächlich vor ihr steht, ein schütterer Reisender seines Schicksals, erkennt Elektra ihn zunächst nicht. Aber die finale Tat, die Rache an der Mutter, rückt endlich näher. Was jedoch passiert mit Elektra selbst, wenn sich ihr großer, gewaltiger, gewalttätiger Rachetraum erfüllt haben wird? Hugo von Hofmannsthal erschuf kurz nach 1900 eine eigene Fassung der antiken griechischen Tragödie der Elektra – und belebte sie neu in seiner und für seine Zeit. Eine Zeit, die das antike Erbe kennt, aber auch die Theorien eines Sigmund Freud: Die Geschichte vom dunkel lodernden Gewissen im Keller und dem großbürgerlichen Leben in der Beletage, das nur mit Mühe die Abgründe der eigenen Existenz verdrängt bekommt, bleibt der alten Geschichte verpflichtet und schafft doch den Spagat in die Zeit des fin de siècle. Eine Welt des Wahns und des Traums, von Richard Strauss für großes Orchester in kongenialer Weise vertont. Ein psychologisches Kammerspiel der Rache und eine expressive Oper der Gefühle. Das Team um Regisseur Enrico Lübbe, Intendant am Schauspiel Leipzig, Bühnenbildner Etienne Pluss und Kostümbildnerin Bianca Deigner wird diese Figuren, die so tun, als ob sie in verschiedenen Welten leben, aber dennoch auf das Erbittertste zusammengehören, ausloten. Die musikalische Leitung dieses Schlüsselwerks der vorletzten Jahrhundertwende hat GMD Dirk Kaftan.

Torsten Buß