News

Aktuell

 

"Emotionen wecken und Welt anders denken"

Sascha Hawemann gilt als ein politischer, bildstarker und poetischer Regisseur. In seiner ersten Inszenierung in Bonn widmet er sich einem der emotionalsten Texte der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek: WUT. Vor der Premiere hat er mit Dramaturg Jens Groß darüber gesprochen.

Was ist Dein Antrieb Theater zu machen?

"Die Zustände der Welt beschreiben, meine tiefe Unruhe mit dem momentanen Sein und Haben. Zum Denken anstiften, Widersprüche entdecken, Widersprüche gestalten. Emotionen wecken und Welt anders denken. Dummheit und Ignoranz angreifen, Lust am Spiel, Lust an freier Arbeit haben und das von freien Menschen produziert sehen. Beunruhigen. Politisieren."

Was bedeutet „Wut“ für Dich?

"Sie war/ist eine wichtige Konstante in meinem Leben, vielleicht der Motor meiner persönlichen Auseinandersetzung mit der Diktatur in der DDR, dem Nationalismus und darauf folgendem Bürgerkrieg in Jugoslawien, meinem Leben in einer neoliberalen, postsozialen Wirklichkeit. Die Wut auf ungerechte gesellschaftliche Zustände, Entsolidaridierung, zunehmenden Chauvinismus motiviert meine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Hier & Jetzt."

Bist Du ein Moralist?

"Ja, aber manchmal gerne ein ziemlich schlampiger, mir fehlt halbwegs die Strenge und ich werde –typisch halber Südeuropäer – gerne abgelenkt von gutem Espresso, galizischem Käse, einem klarblauen Meer, duftenden Zypressen in dalmatinischen Dörfern, Tschechow lesen an der Ostsee, guter Musik lauschen. Genuss beiseite – ich habe moralische Ansprüche an meine Arbeit und mein Leben, die ich versuche zu leben und einzufordern. Aufgewachsen im 20. Jahrhundert rette ich ein wenig altbackenes Liberté, Egalité, Fraternité ins haltlose ökonomisierte Jetzt. Hoffe ich jedenfalls und scheitere daran."

Ist es Aufgabe des Künstlers, sich in die Politik einzumischen?

"Ich kann da nur für mich sprechen: Ja, unbedingt. Mein Unbedingt meint aber keine wehenden Fahnen und Pamphlete, sondern eine sinnliche, ästhetisch bewusste, leise auch laute Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, dem gesellschaftlichen Gestern und Morgen. Und Lachen sollte man dabei auch dürfen."

Leidest Du darunter, dass Künstler auf politische Abläufe so wenig Einfluss haben?

"Leiden – nein. Davon Krankwerden eher, oder zynisch oder böse, aktiv und wach bleiben – Ja.
Was ich auf der Bühne nicht leisten kann oder will, versuche ich im nicht-als-ob Leben. Ich gehe nach wie vor zu Demonstrationen bei Themen, die mich bewegen, ich schreibe an den Spiegel und ARD und meist antworten sie nicht. Spendenaufrufe und Petitionen halten mich wach, ein nachhaltiger menschlicher Umgang mit meiner unmittelbaren Welt und Umwelt ist mir wichtig. Ich rede mit meinem Sohn, animiere ihn zu kritischem Denken und Handeln. Ich half und helfe Freunden, Verfolgten – Solidarität leben ist mir wichtig, auch jenseits der Theaterwirklichkeit."

 

 

WUT von Elfriede Jelinek in der Inszenierung von Sascha Hawemann läuft ab dem 17. Mai 2018 in den Kammerspielen des Theater Bonn. Mehr Informationen, Eintrittskarten und alle Aufführungstermine gibt es HIER.


Foto: Katrin Ribbe