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Eine Ratte auf der Foyerbühne

Sandrine Zenner, seit dieser Spielzeit Schauspielerin am Theater Bonn, bringt im März als Abschlussprojekt ihres Masterstudiengangs ihr erstes eigenes Stück auf die Bühne. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen während dieser Arbeit und verrät, worum es geht.

Liebe Sandrine, was erwartet uns in deinem Stück?

Erst einmal ist es eine energetische Abenteuerfahrt durch einen Berliner Haushalt. Und eine Beschäftigung mit dem, was das Leben eigentlich antreibt. Denn die Hauptfigur Jette John ist Putzfrau, will ihrem Bruder Bruno aber trotzdem auch mal ein Geschenk machen können. Sie will ihr kleines Glück behaupten. Vor allem ist es auch die Geschichte zweier Geschwister, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Ihre Beziehung ist gewissermaßen hemmungslos. Sie ist geprägt von starker wechselseitiger Abhängigkeit, aber genau die nervt sie manchmal. Und von großer Intimität und Nähe: Jette und Bruno lieben sich vielleicht ein wenig mehr, als sie sollten. Und dann ist da noch die Ratte in der Wand. Sie wird zur Projektionsfläche für Fantasien, aber auch zur Mahnerin an die Realität.

Wie bist du auf die Geschichte gekommen, die das Stück erzählt?

Schon seit langem fasziniert und berührt mich Gerhart Hauptmanns Stück DIE RATTEN. Die Figuren dort befinden sich in einem Zustand roher Verzweiflung und verstricken sich in Lügen. Das Stück zeigt sehr schön den Kampf der kleinen Leute, die nach oben kommen wollen, und die Hoffnung, die darin steckt. Mich hat vor allem interessiert, was hinter der ruppigen Fassade von Jette John steckt. Sie hat ihr ganz eigenes Wertesystem, nach dem sie bestmöglich zu handeln versucht. Diese Frau wollte ich deutlicher zeichnen; denn ich finde spannend, die kleinen Leute zu Protagonisten zu machen.

Dein Stück ist eigentlich ein Dialog zwischen Jette John und ihrem Bruder Bruno. Du sprichst beide Figuren selbst. Was steckt hinter diesem Konzept?

Im Verlauf des Stücks wird klar, dass Frau John ihren Bruder, der alles für sie war, verloren hat. Die bedrückende Stille füllt sie mit Selbstgesprächen, die für sie zu einer neuen Realität werden. Der Bruder existiert nur noch durch ihre und in ihrer Sprache. Sie erschafft so einen neuen Kosmos, um über den Tod des Bruders hinwegzukommen.  Indem ich beide Figuren spreche, wird die Einsamkeit dieser Frau deutlich und die Art und Weise, wie sie mit dem Verlust des Bruders umgeht. Und natürlich ist es auch eine schauspielerische Herausforderung, zwei Figuren als Solostück zu spielen. Das reizt mich auch deswegen, weil ich mich beim Schreiben in beide Figuren verliebt habe und beide schon sehr in mir trage.

Du schreibst das gesamte Stück auf Berlinerisch – warum?

Der Dialekt ist für mich ein inneres Zuhause. Denn ich bin in Berlin aufgewachsen, über einer echten Berliner Kneipe. Nun wird die Sprache für mich zur Möglichkeit, mit diesem Herzensprojekt ein Stück Berlin nach Bonn zu holen, von der aktuellen Hauptstadt in die ehemalige.

Worin liegt die besondere Herausforderung bei diesem Projekt?

Zum ersten Mal schreibe ich nicht nur einzelne Szenen, wie hin und wieder in der Schauspielschule, sondern denke einen großen Bogen durch ein komplettes Stück. Und da ich das gesamte Konzept selbst entwickle, schließt die künstlerische Arbeit viele für mich neue Bereiche mit ein. Das bedeutet eine große Freiheit, aber auch viele Entscheidungen, die ich selbst treffen muss. Zum Beispiel muss ich mir Gedanken über ein Bühnenbild machen. Es ist toll, mir vorzustellen, wie all das am Ende aussehen wird.        

Das Gespräch führte Male Günther.

Weitere Infos zum Stück finden Sie hier.