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Theater mit Strahlkraft

Nicola Bramkamp verlässt zum Ende der Spielzeit nach fünf Jahren das Theater Bonn. Ein Gespräch über Menschen, Orte und Projekte, die diese Zeit geprägt haben.

Liebe Nicola, 2013 bist Du als Schauspieldirektorin mit Deinem Team aus den Hausregisseuren Alice Buddeberg, Mirja Biel und Joerg Zboralski und natürlich einem neuen Ensemble und der Dramaturgie hier angetreten. Wie blickst Du zurück auf die Zeit, die Menschen, die Projekte?
Mir war von Anfang an wichtig, dass ich nicht allein die Leitung der Sparte übernehme, sondern ein Team zusammenstelle, das viele unterschiedliche Qualifikationen hat und sich gut ergänzt. Von diesem Standpunkt aus war die Kombination mit Alice Buddeberg, Mirja Biel und Joerg Zboralski eigentlich schlagend. Alice als Hausregisseurin hat mit mir zusammen hier in Bonn gewohnt und eine große Verantwortung für die Zusammenstellung des Ensembles und für eine nachhaltige Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern mitgetragen. Mirja Biel und Joerg Zboralski kamen wiederum eher aus der Bildenden Kunst und hatten, neben ihren Inszenierungen, eigentlich die Aufgabe, das Schauspiel mit Rahmenprogrammen wie Konzert- oder Gesprächsreihen künstlerisch mitzuprägen.

Wie hat sich das entwickelt?
Mit der plötzlichen Erkrankung und dem Tod von Joerg Zboralski in unserer ersten Spielzeit ist dann alles ganz anders gekommen. Das war ein großer Schock für uns. Wir haben uns neu aufstellen müssen und das durch die großartige Dramaturgie und den Zusammenhalt im Ensemble auch sehr gut geschafft. Mir war es wichtig, dass wir auch in neuer Konstellation auf die Stadt und die Subkultur zugehen und interdisziplinär arbeiten. Wir haben uns in die Stadt hinein vernetzt und dabei ist u. a. unser SAVE THE WORLD Festival entstanden, das wir seit 2014 in Kooperation mit der UN und vielen NGOs und Institutionen veranstalten.

SAVE THE WORLD fand ja erstmalig in Form eines großen künstlerischen Parcours auf dem Gelände der Halle Beuel statt.
Richtig, die Halle Beuel war für mich eine ganz wichtige Säule in meinem künstlerischen Programm. Ihr Verlust schmerzt nach wie vor. Kulturdezernent Martin Schumacher hatte ein Konzept, das Gelände zu einem interdisziplinären Kulturviertel zu machen. Das hat mich sehr gereizt. Wir haben in den ersten drei Jahren sehr viel Energie dort reingesteckt, um verschiedene Formate zu zeigen und dieses Areal zu beleben; nicht nur mit SAVE THE WORLD, den GENIESST ES... Partys oder den multikulturellen Kunstcamps, sondern auch mit spektakulären Inszenierungen wie HERZ DER FINSTERNIS, die beinahe zum Theatertreffen eingeladen wurde.

Überregional habt ihr ganz schön für Aufsehen gesorgt.
Ja, das stimmt, mit NATHAN waren wir ebenfalls auf der Longlist des Theatertreffens und mit unseren vielen Uraufführungen zu zahlreichen Festivals eingeladen, wie z.B. mit Thomas Melles BILDER VON UNS bei den renommierten Mülheimer Stücken. Es ist ja unser Konzept gewesen, dass wir uns mit der Stadt und ihren Geschichten auseinandersetzen: die realen Vorkommnisse an Bonner Schulen bei BILDER VON UNS, oder – wie bei NATHAN – die Arbeit mit Bonner Musliminnen und Muslimen zum Beispiel. Es ist großartig, dass wir damit auch überregional wahrgenommen wurden.

Auch das Ensemble ist in Deiner Zeit hier immer sehr sichtbar gewesen – auch abseits der Bühne mit Partyreihen und eigenen Projekten.
Uns war es extrem wichtig, nicht nur großartige Schauspieler zu engagieren, sondern auch mündige Künstlerinnen und Künstler. Jeder, der bei uns spielt, hat auch eine Leidenschaft und Zugewandtheit der Gesellschaft und der Welt gegenüber. Das zeigt sich auch daran, dass die Schauspieler eben nicht nur die erwähnten Partys organisiert, sondern zum Beispiel auch für die Flüchtlingshilfe gesammelt haben.

Worauf bist Du besonders stolz?
Ich freue mich sehr darüber, dass wir uns in die Stadt geöffnet und so vielschichtig vernetzt haben. Die Kooperationen mit der Bundeskunsthalle, dem Beethovenfest, den Kirchengemeinden, der Universität sowie der UN, der Telekom und vielen weiteren – das waren großartige Arbeitserfahrungen. Während meiner Zeit haben wir den größten Einnahmerekord in der Geschichte des Schauspiels erzielt, was zeigt, wie gut unser Programm in der Stadt ankam. Und durch die Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Bundeskulturstiftung haben wir auch enorme Drittmittel für das Theater einwerben können. Ich bin besonders stolz auf mein kreatives, sympathisches Ensemble und darauf, in dieser Stadt einiges an Diskussionen angeregt zu haben. Der Höhepunkt war vielleicht BONNOPOLY, das weit mehr als 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauer besucht haben und worüber in der ganzen Stadt hitzig diskutiert wird.

Gibt es Sachen, die Du rückblickend anders gemacht hättest?
Am Anfang habe ich mich schon von dem kalten kulturpolitischen Wind beeindrucken lassen, der uns hier in Bonn entgegenwehte. Diese ganzen Kürzungsdebatten haben uns alle auch emotional sehr betroffen, weil man sich in dieser Stadt nicht gewollt gefühlt hat. Es hat fast ein Jahr gedauert bis ich gemerkt habe, dass das für das Publikum gar nicht zutrifft und ich wieder mutig in die Stadt hineinwirken konnte. Da hätte ich mittlerweile ein dickeres Fell.

Mit der Wiederaufnahme von KARL UND ROSA, der Eröffnungsinszenierung Deiner Direktionszeit in 2013, schließt sich der Kreis. Was war Dir an dieser Produktion so wichtig, dass Du sie zum Schluss wieder auf den Spielplan geholt hast?
KARL UND ROSA ist für mich auf verschiedenen Ebenen eine Inszenierung, die mir am Herzen liegt: Es geht um eine starke Frau und es geht darum, auf politische Missstände aufmerksam zu machen. 100 Jahre nach der Novemberrevolution überprüfen wir mit diesem Stück anhand der Vergangenheit erneut unsere Gegenwart und das ist für mich das, was Theater auszeichnet.

Wie geht es für Dich weiter?
Ich werde SAVE THE WORLD unabhängig vom Theater Bonn weiterführen. Andrea Tietz, meine Mitstreiterin, und ich, sind von der UN beauftragt worden, die nächsten Jahre das Kulturprogramm für die Weltklimakonferenzen zu kuratieren. Spätestens seit wir die COP23 offiziell eröffnen durften und mit der Intervention der weltberühmten Yes Men für Furore gesorgt haben, ist klar, dass die Kombination aus Kunst und Wissenschaft eine schlagende ist, weil wir mit den Mitteln der Kunst komplexe Inhalte für ein breites Publikum erfahrbar machen können. Ich werde aber auch andere Projekte wie BURNING ISSUES weiter verfolgen. Im März haben wir hier die erste Konferenz der Theatermacherinnen initiiert und das schlug ein wie eine Bombe. Die Themen Geschlechtergerechtigkeit, gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, Inklusion und familienfreundliche Arbeitsstrukturen treiben mich auch jenseits der Kunst um und ich glaube sehr daran, dass wir am Theater Vorreiter sein müssen für eine offene Gesellschaft.

Wie verabschiedest Du Dich von Bonn?
Wir feiern am 13. Juli in den Kammerspielen eine große Abschiedsshow mit den Lieblingsfiguren und Lieblingsszenen der letzten fünf Jahre. Alle an einem Ort im Bühnenbild von UNTERLEUTEN. Das wird sicher ein rauschendes Fest.

Das Gespräch führte Michaela Predeick