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Einer, dem das Herz unterm Messer schlägt

Ferenc Molnárs LILIOM in der Regie von Sascha Hawemann

LILIOM ist der Titel des berühmtesten Theaterstückes des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár, das die tragische Liebesgeschichte zwischen dem Rummelplatzausrufer Liliom und dem Dienstmädchen Julie erzählt. Die Uraufführung war am 7. Dezember 1909 in Vígszínház (Budapest). Alfred Polgar übersetzte das Stück ins Deutsche und verlegte es sprachlich und örtlich als „Vorstadtlegende in 7 Bildern und einem szenischen Prolog“ in den Wiener Prater. Seitdem trat das Stück einen beispiellosen Siegeszug auf den Bühnen in aller Welt an. Der Berliner Kritiker Friedrich Luft schrieb darüber 1946: „Es ist eines der großen Erfolgsstücke in New York, in Wien, in Budapest, in München, in Hamburg – weiß der Himmel, wo LILIOM überall auf die Bretter gekommen ist. Und immer im Kleid der Umgebung. Immer im Jargon des Aufführungsortes.“
Ferenc Molnár selbst äußerte sich über die Intention seines Schreibens folgendermaßen: „Jeder hat schon einmal eine Schießbude im Stadtwäldchen gesehen. Erinnern Sie sich daran, wie kindisch, wie komisch alle Figuren dargestellt sind? Arme, schlechte Schildermaler malen diese Figuren so, wie sie sich das Leben vorstellen. Ich wollte das Stück auch in solcher Weise schreiben. Mit den Gedanken eines armen Schaukelgesellen im Stadtwäldchen, mit seiner Phantasie und seiner Ungehobeltheit.“
Und der Übersetzer Alfred Polgar gab über den Ansatz seiner Übertragung ins Deutsche folgendes zu Protokoll: „Die Gefühlsebene des Werkes ist durch eine Linie gelegt, in der Zartheit und Brutalität einander schneiden. Dort kann es geschehen, dass Prügel nicht schmerzen und dass eine Welle von Güte einen Mordplan hochschwemmt. Dieses Irrationale des Herzens – entwickelt an einem einfachen Menschentyp, in einem einfachsten Beispiel aufgezeigt – gibt dem Spiel seine höhere Ratio.“
Welche Gedanken hinter der Konzeption für die Bonner Inszenierung von Sascha Hawemann stehen, zeigt sich im gemeinsamen Mailaustausch, in Notizen aus den Proben und Aussagen des Regisseurs, die Dramaturgin Carmen Wolfram zusammengestellt hat:
„Wir kennen in Deutschland nur die Übersetzung des Textes von Alfred Polgar, die im Wienerischen Dialekt für unser heutiges Empfinden leicht süßlich, anheimelnd und angekitscht wirkt. Hier beginnt das Missverständnis, auch in der Aufführungstradition, denn in der ungarischen Urfassung klingt die Sprache nicht so weich und rührselig. Der Text bietet viele Querverweise auf Volkstheatertraditionen mit Liedern, Motiven, Bildern und Typisierungen. Obwohl das Stück mit den Mitteln des Melodrams spielt, ist es aber auch ein Sozialdrama, ein Drama der Misere in den Formen des Balladesken und Moritatenhaften, also des damaligen Comics der Armen.
Liliom ist der beste Ausrufer im Ringelspiel von Frau Muskat. Der Platzhirsch auf dem Rummelplatz, dem Paradies der kleinen Leute, dem Raum der ausgelagerten Phantasien, Illusionsmaschinerie fürs gemeine Volk. Der bunte Ort des Versprechens und des Vergnügens als letzte Möglichkeit des Widerstands gegen den Kapitalismus. Latente Kirmes.
Liliom der Spieler, Schläger, Aufreißer und Frauenschwarm ist es gewohnt, sich von Frauen aushalten zu lassen. Er lebt die Freiheit des Asozialen, des Frechen und Unangepassten. Am Anfang ist das eine Marke zu sagen, ‚mir ist alles egal, kommt her, ich lade alle ein, ich habe keine Verantwortung‘. Ich denke dabei immer an Rock’n’Roll. Liliom ist ein Rocker, seine Band ist das Karussell, heute hier, morgen dort, dazu die Groupies. Er hält sich an keine Konvention. Interessanterweise waren die Schausteller früher im Osten wie Rockstars. Das waren Anarchisten, die alle schon mal im Knast gewesen sind. Die hatten keine Angst vor Autorität. Das fahrende Volk war wirklich ein freies Volk. Liliom muss kein schöner Mann sein, er muss eine innere Freiheit ausstrahlen.
Dann trifft er Julie. Ein Dienstmädchen. Die lassen sich wunderbar knicken und küssen, die Julies. Ode an die Geschlagenen. Ein Lied für die blutige Braut. Ganz zart ist die Versöhnung. Ein Lecken von Wunden das Heiratsversprechen. Fetzen. Worte. Ich werde deine Wunden lecken bis dass der Tod uns scheidet.
Der mit der wenigsten Kohle. Bekommt auf’s Maul von dem mit der meisten Kohle. Das ist die Moral von LILIOM. Das macht die Erde zum Mond. Und Liliom zum Mörder. Ein Stück über Armut. Über seelische, emotionale und finanzielle Armut. Es gibt keine Perspektiven. Das ist die politische und soziale Realität des Stückes. Es ist lächerlich, dass man von der zunehmenden Verarmung in Deutschland nicht spricht. Alles wird zugetüncht mit Sprüchen von der Konjunktur. Das soziale Problem ist aber da. Und das ist einer der Gründe, weshalb ich das Stück mache.“

Von Carmen Wolfram

Weitere Infos zum Stück finden Sie hier.