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Auf diesem Rummel fehl am Platz

Regisseur Jan Neumann über DER MENSCHENFEIND von Molière in der Bearbeitung von Hans Magnus Enzensberger

Molières Komödie DER MENSCHENFEIND erlebte ihre Uraufführung am 4. Juni 1666 im Palais–Royal in Paris. Der Schriftsteller, Übersetzer und Poet Hans Magnus Enzensberger verlegt sie ins Bonn der 1980er Jahre. Tatsächlich stellt er seiner Überschreibung aber folgende Angabe voran: Zeit: Die Gegenwart. Einladung und eingeschriebene Legitimation also, das Stück aus unserer Gegenwart heraus zu lesen.
Der Ort der Handlung: Das Haus des It- Girls Célimène, die zur Party geladen hat. Die Gäste: die Schönen, die (Erfolg-)Reichen, die Mächtigen. Unter ihnen auch ein Künstler, der Schriftsteller
Alceste, der die Gesellschaft zutiefst verachtet. Unerträglich findet er, wie man hinterrücks verbal übereinander herfällt, wie man voreinander posiert und aneinander vorbei parliert. Frei, ehrlich und kompromisslos will er leben, was ihn jedoch nicht davor schützt, Célimène zu verfallen, dieser Queen of Talk, menschgewordene Metapher jener verhassten Gesellschaft.
Ebenfalls Partygast ist Philinte, der beste Freund Alcestes, der vergeblich versucht, ihn davon zu überzeugen, dass erst der ein oder andere Kompromiss gesellschaftliches Zusammenleben ermöglicht. Die Wahrheit ist dabei nicht unbedingt immer der beste Weg, die Lüge eine elegante Vermeidungsstrategie, um sich vor allem: keine Feinde zu machen.
Doch als Oronte, Archetyp eines Machtmenschen, Alceste ein selbstverfasstes Gedicht vorträgt und ihm seine Expertise abnötigt, kommt es zum Eklat. Alceste ist unfähig zu lügen – und der Hobbydichtende erträgt die vernichtende Kritik nicht. Oronte rächt sich. Alceste wird angeklagt, sein Haus durchsucht. Man legt ihm nahe, schleunigst das Land zu verlassen. Die Komödie kippt.
Und auch Célimène, die diplomatisch stets die sie anhimmelnden Männer hin- und sich doch warmhält, wird Opfer einer Rache: Arsinoe, nicht eingeladen, lanciert aus enttäuschter Liebe und Freundschaft einen Brief, der Célimènes wahre Meinung über alle Anwesenden offenbart. Die Wahrheit kommt ins Spiel, die Party ist beendet. Wer auf­fliegt, ist raus.
DER MENSCHENFEIND handelt, bei Molière wie bei Enzensberger, von der fragwürdigen Notwendigkeit der Lüge und der ureigentlichen Unmöglichkeit der Wahrheit, von Rache aus Verletzung, der Doppelgesichtigkeit und Doppelzüngigkeit einer Gesellschaft, der es materiell an nichts mangelt, vor allem aber von der Machtausübung im Sprechen. Enzensbergers Sprache selbst wiederum ist die eines sprachsensiblen Poeten, brilliert in geschliffenen Versen, ein urkomisches Pointen-Pingpong aus Reimen. Leicht, fast zu leicht lässt er seine Version der Geschichte des sich am Ende nach Wüsteneinsamkeit sehnenden Misanthropen abschnurren – und bildet so aus Sprache eine filigrane Fassade, hinter der die unstillbare Sehnsucht der Figuren aufschimmert, nach Liebe, nach Freundschaft, nach Zugehörigkeit.
Kein Lesestück, ein Theaterstück: bei der Lektüre ahnt man, dass das, was in den Seelenzimmern hinter jenen Sprachfassaden stattfindet, jenes heimliche und eigentliche Leben der Figuren, erst durch die Geste, die Mimik, den Körper auf der Bühne lesbar gemacht werden kann.
Denn letztlich ist DER MENSCHENFEIND eine Komödie über die Darstellung: Inwieweit definiere ich mich über die Darstellung des Anderen, welches Bild bilde ich ab von mir, wie stelle ich den Anderen und damit mich selbst dar in einer Gruppe? Und mag auch die Selbstdarstellung im 17. Jahrhundert oder bei Enzensberger im Gegensatz zu den Selbsterzählungen auf Instagram und Twitter unserer digitalen Epoche noch analog funktioniert haben – Arbeit war sie auch da schon. Zwischen Label und Pose droht die totale Erschöpfung, das Herausfallen aus allen Kontexten, die absolute Bedeutungslosigkeit des eigenen, eigentlichen Seins.

DER MENSCHENFEIND feiert am 1. Dezember Premiere im Schauspielhaus. Infos und Tickets finden Sie hier.